1.Advent Offb.5,1-5

Liebe Gemeinde,
In Physik war ich gut. Wie eine Klingel funktionierte war mir klar und auch die Heisenbergsche Unschärferelation habe ich verstanden. Sie müssen nicht wissen, was das ist. Es reicht, dass ich immer eine Eins nach Hause brachte. So wählte ich Physik als Leistungskurs vor dem Abitur, bekam einen neuen Lehrer und dann kapierte ich plötzlich nichts mehr. Ich brachte Fünfen und Vieren nach Hause. Vor allem die Atomphysik blieb mir verschlossen, wie ein Buch mit sieben Siegeln.

Jeder von uns kennt dieses Symbol vom Buch mit sieben Siegeln. Und für jeden gibt es Dinge, die wir nicht begreifen, die verschlossen sind und verschlossen bleiben.

Warum wird Advent schon gefeiert wie Weihnachten? Warum ist Weihnachten für viele das wichtigste Fest, auch für die, die gar nichts mit Jesus am Hut haben? Warum blinken bei uns Lichterketten? Warum ist gestern auf der Fähre nach La Gomera bei bestem T-Shirt Wetter ein verschneiter Weihnachtsmann auf die Frontscheibe gesprüht? Es ist nicht wirklich zu verstehen, was da alles an weihnachten geschieht und erwartet wird. Ein Buch mit sieben Siegeln!

Dramatisch wird es, wenn wir Unrecht spüren. Wenn wir nicht verstehen, wie soviel Unrecht geschehen kann. Wenn Kinder sterben müssen oder Erwachsene für ihr Leben gezeichnet sind; wenn ein Betrunkener durch einen Unfall anderes Leben auslöscht, oder ein Fanatiker zum Terrorist wird. Wie kann das sein? Wieso lässt Gott das zu? Dann würden wir gerne die Siegel von dem Buch wegbekommen, damit wir wissen, wie es weitergehen kann mit unseren Fragen und Sorgen, Ängsten und Befürchtungen.

So haben Christen in den ersten Jahrhunderten auch gedacht. Unterdrückung und Verfolgung, Verleumdungen und Spott. Sie warteten auf den, der sie erlösen sollte. Sie warteten auf die Wiederkunft Jesu. Aber es geschah nichts. Die Botschaft vom Reich Gottes: Zunächst schien alles klar, doch dann mit der Zeit und einem Sinn für die Realitäten wurde die frohe Botschaft eher wie ein Buch, verschlossen mit sieben Siegeln.

Der Predigttext für den heutigen 1. Advent erzählt davon:

Offb.5,1-5

Ich versuche mir vorzustellen, wie es dem Seher Johannes gegangen ist: Er sieht eine eigentümliche Versammlung vor seinem inneren Auge. Einen Thron, drumherum: eigenartige Wesen. Die Stimmen klingen mächtig. Es ist, als ob der Himmel gleich Gericht hält über die Menschheit. Da entdeckt er eine Buchrolle in der Hand dessen, der auf dem Thron sitzt. Er erkennt, dass sie beschrieben ist: Innen und aussen. Er ahnt, dass das wichtig ist, was da geschrieben ist. Es geht um die Zukunft: Untergang oder Fortbestand dieser Welt. Zukunft des christlichen Glaubens oder sein Verschwinden im Egoismus, in Machtgier und in der Blödheit dieser Welt. Bruchstücke kann er erkennen. Aber den Zusammenhang versteht er nicht. Ist da der Schlüssel für die Geheimnisse enthalten, die uns so oft den Schlaf rauben? Es muss doch möglich sein, diese Buchrolle aufzumachen? Dann wüssten die Menschen, was mit ihnen passiert! Dann sähen wir die Wege, die wir gehen sollten, anstatt immer wieder neu uns in Sackgassen zu verrennen. Dann wüssten vor allem die Gläubigen, wann tatsächlich die Kinder Gottes Frieden im Herzen hätten und aller Sorgen ledig wären.

Dann eine mächtige Stimme: „Fühlt sich irgendjemand würdig, die Geheimnisse dieser Welt zu lüften?“ Johannes schaut sich um. Und er kann keinen Menschen entdecken, der so anständig wäre, dass er würdig wäre, die Geheimnisse Gottes zu verstehen, sie zu lüften und das den Menschen zu erklären. Es gibt sie, die guten Menschen, oder zumindest die Besseren. Und es gibt sie, die abgrundtief bösen Gestalten. Aber wenn man mit dem Zeigefinger auf einen Menschen zeigt, den mag nicht ausstehen mag, zeigen mindestens drei Finger auf einen selber zurück. Nein, da ist keiner würdig!
Es ist zum Heulen mit dieser Menschheit. 

Johannes schreibt: Da weinte ich sehr, dass niemand würdig gefunden wurde.

Ja, trotz Weihnachtsmärkten, Spekulatius, Glühwein und grell blinkender Lichterketten ist die Adventszeit eigentlich eine Bußzeit, eine Zeit des Nachdenkens. Eine Fastenzeit. Eine Rückbesinnung auf uns selber: wer wir sind vor Gott und unserem Nächsten. Eigentlich gehört zum Advent nicht „Jingle bells" und auch nicht schmalziges „süßer die Glocken nie klingen“. Eher: „Wie soll ich Dich empfangen und wie begegn ich Dir?“ Wir evangelische und katholisch theologisch halbwegs Geschulte stehen da auf verlorenem Posten. Als Kirche inmitten vom Massentourismus wird uns das ja besonders vor Augen geführt. Die Welt will nicht nachdenken, am wenigsten über sich selber. Und vielleicht hilft einem ja auch eine deftige Packung Schmalzkuchen und ein fröhlich verschlungenes Bier eher, als die mühselige protestantische Nachdenklichkeit. Schließlich ist und bleibt es so: Wie und warum die Menschheit so tickt, wie sie tickt, und anscheinend so oft nicht dazu lernt, bleibt verschlossen wie ein Buch mit sieben Siegeln.

Doch dann eine Hand auf der Schulter. Nicht drückend, eher leicht und tröstend: „Weine nicht! Einer hat schon überwunden und wird das Buch mit den Siegeln lösen.“ Die Probleme sind damit noch nicht weg. Aber einer sieht deine Tränen; sieht, was dich umtreibt. Einem ist es nicht egal, was dir Sorge macht. Und dieser eine, dessen Gesicht du nie gesehen hast, ist dir nahe: Im Kreuz hier in der Kirche; im Licht der Adventskerze; in Brot und Wein beim Abendmahl; Du spürst ihn, wenn ein Wort oder ein Lied dein Herz berührt; In einem Lächeln, dass dir jemand schenkt, kannst du - wenn du willst - die Freundlichkeit Jesu erkennen.
Advent ist einerseits die Erinnerung an die Erlösung durch Jesus Christus. Advent ist andererseits das getroste Warten darauf, dass Gott kommt und diese Welt nicht aufgibt. Gleich werden wir singen: Auch wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein. Der Morgenstern bescheinet auch Deine Angst und Pein. Martin Petzold hat die Melodie 1939 voller Sorge vor dem anstehenden Wahnsinn des 2.Weltkrieges und der tödlichen Selbstüberschätzung von Menschen geschrieben. Die Melodie am Ende jeder Strophe endet nie in wohlgefälliger Harmonie. Das wäre ja auch gelogen, wenn am Ende der Adventszeit die große Harmonie stünde. Der aufsteigende Ton am Ende lässt etwas offen. Aber das ist dann kein Buch mit sieben Siegeln, sondern ein getroster Glaube, der mit wachsamen Augen und getrostem Herzen mutig den Glauben in dieser Zeit bekennt. Ein Glaube, der die Tore weit macht, anstatt sie zu verschließen, der „wohl dem Land und wohl der Stadt“ singt, der Gottes Gnade in sein Herz hineinlässt. 

 Amen!

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