Predigt am 8.Oktober Mk.9,17-27: "Wer sind wir?"

Die Heilung eines besessenen Knaben. So heißt diese Geschichte in meiner Bibel. Dann geht es also um den Jungen. Krank ist er. Er hat wahrscheinlich Epilepsie, Fallsucht. Früher konnte man das nicht erklären. Wenn jemand völlig unkontrolliert hinfällt und sich am Boden wälzt, dabei nicht mehr ansprechbar ist: Dann kann das nur ein böser Geist sein. Heute wissen wir mehr über diese Krankheit. Und doch gibt es so etwas wie böse Geister, die einem die Selbstbestimmung stehlen, die einen zu Boden werfen. Mir fällt eine Frau ein.  Sie erlebt eine persönliche Katastrophe nach der anderen. Kaum hat sich ein Problem gelöst, kommt die nächste Hiobsbotschaft. Sie kann da nichts für. Aber es reisst sie auf den Boden. Sie kommt nicht mehr auf die Beine. Es ist als ob ein böser Geist sie und ihr Leben im Griff hat.
Mir fallen Menschen ein, die ein schlimmes Erlebnis aus der Kindheit nicht loslässt. Das drückt sie auf den Boden. Sie sind nie wirklich freie und vor allem keine fröhlichen Menschen. Sie erzählen nur davon, wie schlecht alles ist. Kein Argument kann sie überzeugen. Es ist als ob ein böser Geist sie fesselt und keiner kann ihn austreiben.
Jesus heilt den besessenen Knaben. Es gibt einen, der ist mächtiger als jeder böse Geist. Manchmal denken wir, das Schlechte gewinnt in der Welt. Die Geschichte von der Heilung des besessenen Knabens macht Mut: Kein böser Geist hat das letzte Wort. Das letzte Wort hat Jesus. Gott sei Dank!

Die Heilung eines besessenen Knabens. Die Geschichte könnte auch einen anderen Titel haben. Die Geschichte eines verzweifelten Vaters. Der besessene Knabe macht ja nichts. Der Vater bemüht sich. Sein Junge ist von Kindheit an krank. Das ist an sich schon eine große Belastung. Ich kann mir vorstellen, wie die Leute einen Bogen um die Familie machen. Sie tuscheln: Nimm dich in Acht vor dieser Familie. Du weißt nie, wie der Junge reagiert. Und wenn das ansteckend ist…? Der Vater wird Ärzte aufgesucht haben. Er wird um Rat gefragt haben. Aber er kommt nicht weiter. Er liebt sein Kind, ja! Aber er fragt sich auch: Warum musste mir das passieren?
Mir fallen die Eltern ein, die ein behindertes Kind haben. Mir fallen die ein, die bei der pränatalen Diagnostik erfahren haben, dass ihr Kind behindert sein wird. Sie haben abgetrie-ben. Sie können nicht damit umgehen, sich ein Leben lang um ein behindertes Kind zu kümmern. 
Mir fallen die ein, die ihr behindertes Kind betreuen, es füttern, den Beruf aufgeben. Sie nehmen lange Wege auf sich, um immer wieder einen Spezialisten aufzusuchen. Die Aufwendungen können sie steuerlich geltend machen. Tatsächlich zehrt die Betreuung aber die Ersparnisse auf. 
Mir fallen die ein, die Kinder oder Eltern, den Ehepartner oder einen Nachbarn pflegen und betreuen, die ihr Leben hart einschränken müssen. Was würden sie dafür geben, dass ihnen geholfen würde?
Das es keine wahre Hilfe gibt, zehrt auch am Glauben. Wenn es Gott geben würde, dann…:
Hilf meinem Unglauben Gott, dass ich nicht ganz verzweifle!

Die Hilfe für einen verzweifelten Vater. So könnte die Geschichte lauten. Aber auch: Die Geschichte einer hilflosen und überforderten Jüngerschaft. Denn darum geht es ja auch. Jesus ist mit Petrus, Jakobus und Johannes in eigener Sache unterwegs. In der Zeit streiten sich die Jünger mit den Schriftglehrten wahrscheinlich um die richtige Auslegung der Bibel. Da kommt der verzweifelte Vater mit seinem Kind und bittet die frommen Leute um Hilfe. Sie versuchen zu heilen, aber sie können es nicht. Sie können über die Bibel fachsimpeln, aber den wirklichen Problemen der Menschen helfen, können sie nicht.
Wie oft habe ich das als Pfarrer schon erlebt? Als ich nachts als Krankenhausseelsorger gerufen wurde. Ein Totkranker! Verzweifelte Angehörige. Und alles, was man da tun kann ist Beten, Segnen. Das tröstet. Aber das bewahrt kein Menschenleben.
Vor ein paar Tagen war ich beim Friseur. Als die Friseurin mich fragte, was ich denn von Beruf sei, bat sie mich für sie und ihre Kolleginnen zu beten. Alle hatten Probleme und vor allem ein viel zu geringes Einkommen um sich und ihre Kinder zu ernähren. Wir haben zusammen gebetet. Aber eigentlich hätten die Frauen einfach nur ein gerechtes Einkommen gebraucht. Das konnte ich ihnen nicht geben.
Wir können Zeichen der Hoffnung geben, aber die Probleme von Menschen heilen können wir ganz oft nicht. Warum können wir nicht die bösen Geister austreiben? fragen die Jünger. Jesus antwortet: Diese Art kann durch nichts ausfahren als durch Beten. 
Jesu Worte können auch wehtun. Anscheinend beten wir nicht richtig oder? Oder heißt beten mit Gott reden. Und so wie Jesus mit Gott redet, können wir es nun einmal nicht! Das ist nur ein schwacher Trost. Aber wir sind nun einmal nicht Jesus und wir werden es durch größte Anstrengungen auch nicht werden!
Die Geschichte der hilflosen Jünger.
Schließlich ist es aber auch die Geschichte derjenigen, die nur eine große Klappe haben, aber gar nichts tun. In der Geschichte werden die Schriftgelehrten genannt. Auch sie sehen den verzweifelten Vater und hören sein Anliegen. Aber sie machen offenbar nichts. 
Mir fallen fromme Mitchristen ein, die auf ihren Glauben schwören, aber keine Altenbesuche machen, sich nicht an der Krankenhaus oder Notfallseelsorge beteiligen.
Mir fallen die ein, die Wehe schreien, weil sie Probleme sehen. Sie sind sogar gerade in den Bundestag gewählt worden. Aber sie tragen nichts zur Lösung bei. Mir fallen die ein, die ein Foto von einem Unfallort machen, aber nicht helfen. 
Da sind mir die Jünger lieber, die sich bemühen, wenn auch erfolglos. Darum berichtet die Bibel auch von ihnen: Menschen, die versuchen zu helfen, durch Tat und Gebet, selbst wenn es erfolglos ist. Die Bibel berichtet von den Menschen, die noch einen Funken Glauben bewahren, in der Hoffnung, dass es ein Feuer entfachen möge. Die Bibel müht sich nicht mit den Menschen ab, die von Gott sowieso nichts erwarten.
Darum ist die Geschichte von der Heilung des besessenen Knaben auch und vor allem eine Geschichte des Glaubens. Jesus hängt sich weit aus dem Fenster: Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt. Ich bezweifle oftmals diesen Satz. Vor allem kann er missverstanden werden. Aber ich stimme ein in den Ruf des Vaters: Ich glaube! Herr hilf meinem Unglauben!
Die Geschichte des Knabens, des Vaters, der hilflosen Gemeinde ist ja auch die Geschichte des Trotzes, des Widerstandes gegenüber den Geistern, die meinen das Sagen zu haben; die unser Leben bestimmen und die meinen, die Welt bestimmen zu können. Als Christen glauben wir daran, dass nicht das Böse, sondern Gottes guter Geist das letzte Wort haben wird. Danach müssen wir unser Leben und unseren Glauben ausrichten.
Wir können uns Schwäche und Verzweiflung eingestehen. Als Eltern oder Lebenspartner, als Gemeinde und als „irgendwie“ Glaubende. Gott mag seinen Kopf schütteln über die Schwachheit seiner Geschöpfe, aber er lässt uns nicht, sondern erbarmt sich über seine Kinder.
Wir haben heute vor allem eine Geschichte von Gottes Erbarmen gehört. Ein Erbarmen gegenüber allen, die von bösen Geistern gefangen gehalten werden. Ein Erbarmen gegenüber allen, die sich redlich bemühen, auch wenn sie scheitern. Ein Erbarmen gegenüber allen, die am Ende nur noch den Schrei der Verzweiflung zu Gott bringen können. Aber das ist allemal besser, als Nichts zu tun. Besser als Verrat schreien und keine Lösungen haben. Besser als als frommes Getue ohne den Menschen in der Nähe oder Ferne wahrzunehmen.

Es ist die Geschichte, die uns nachdenken lässt, wer wir eigentlich sind. Amen!

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